Der alte Kontinent oder eine neue Gemeinschaft

Ein Buch von Robert Menasse, mit dem Titel „Der Europäische Landbote | Die Wut der Bürger und der Friede Europas oder (Warum die geschenkte Demokratie einer erkämpften weichen muss)“, brachte und bringt mich zum Nachdenken.

Das Nahebringen der Komplexität des Gebildes „Europa“ öffnete so manches Fenster und einige Türen in meinem Kopf. Eine direkte Beschreibung der Zusammenhänge, tiefen Verflechtungen und unterschiedlichen Denkweisen, sowie die detaillierte Beleuchtung von Handlungen, Wirkungen und Auswirkungen tragen zum besseren Verständnis des so alltäglichen Europas, das einigen weiter und fremder erscheint, obwohl wir doch ein Teil des Ganzen sind.

Ab und an ist es wichtig einen Durchzug zu erzeugen, um frischen Sauerstoff in träge oder altbewährt monoton arbeitende Gehirnzellen zu transportieren. Sie können so stimuliert und neu mobilisiert werden. Dieses Prinzip können wir natürlich auch für viele andere Bereiche unseres Lebens anwenden – hier erschien mir der Vergleich jedoch sehr zutreffend.

Durchzug -> veraltete, verbrauchte Luft raus -> frischer, nicht aufgeheizter Sauerstoff rein -> Durchatmen

Offenheit -> eingefleischte, verankerte Meinungen und Denkmuster aufwirbeln oder gar verwerfen -> neue, anders aufgeladene Moleküle rein -> die Basis für neuartige Verbindungen und Visionen schaffen


Wie schon im Beitrag „Karten als Spiel oder Realität“ im anderen Zusammenhang erläutert, ist es an der Zeit unsere gesellschaftlichen Ordnungen, eingefahrene und karierte Muster, sowie egoistische und egozentrische Lebensweisen neu zu denken und zu leben – im Sinne des unaufhaltsamen Wandels, des relativen Friedens, in dem wir zur Zeit leben dürfen, sowie des Wohls eines ganzen Kontinents und nicht nur einzelner Nationen.

Es geht nicht nur um eine neue gemeinsame Ausrichtung für jetzt und die Zukunft, sondern vor allem um die Hervorhebung der Werte, für die unzählige Menschen kämpften, gar ihr Leben ließen – sehen wir nichts davon als selbstverständlich an.

Wir alle haben heute die Möglichkeit solidarisch das zu sichern, wofür die großartige Vision und das einzigartige Pilotprojekt der Europäischen Union standen und stehen.

All das kann beispielhaft sein für eine überregionale, übernationale und zugleich friedliche Verschmelzung – all denen zum Trotz, die hierin eine Utopie sehen.

Es war, ist und wird nie möglich sein – alle Ängste aus der Welt zu schaffen, über alle Zweifel erhaben zu sein und stets im Sinne aller Beteiligten zu handeln. Jedoch ist es einen unermüdlichen Versuch wert, da die Alternative den meisten von uns nicht gefallen dürfte.


Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Buches war die finanzpolitische Kriese das vorherrschende Thema, das vor allem ganz Europa beschäftigte – jetzt dominiert die täglich wachsende Anzahl der Menschen auf der Flucht unseren Alltag.

Jede Woche, jeder Monat, jedes Jahr werden neue Herausforderungen mit sich bringen, die gelöst werden müssen – auf der Vergangenheit basierende Schuldzuweisungen jeglicher Art führten noch nie zu Lösungen und werden auch in Zukunft keine konstruktiven Ergebnisse gestatten.

Anstatt sich stur auf Negatives zu konzentrieren und dieses zu schüren, sollten alle ihre ganze Energie im positiven Handeln bündeln – um vereint und nicht geteilt das bewältigen zu können, was in der Gegenwart wichtig ist.

Die Politik soll aus den innenpolitisch nationalen Trittmühlen ausbrechen, um endlich ein funktionelles und beständiges europäisches Gerüst zu schaffen, in Form einer einvernehmlichen Verfassung und neustrukturierten politischen Instrumenten, die stets das Ziel vor Augen haben, Europa als Ganzes zu stärken und nicht abzuriegeln oder zu schwächen.

Nicht mit dunklen Hintertüren oder anders auslegbaren Richtlinien und Gesetzen versehen, die von den Betroffenen je nach Windrichtung ihrer ursprünglichen vorbestimmten Funktion enthoben werden.

Unter Berücksichtigung regionaler Belange, jedoch nicht den überholten nationalen Interessen untergeordnet, die sich gegenseitig blockieren, weil das Verständnis für das Nehmen und Geben aus der Balance gerät.

Anstatt stets selbst produzierte Krisen zu bewältigen, könnten sich alle Beteiligten zukunftsorientiert darum bemühen, diese im Vorfeld zu verhindern – auch wenn es verlockend erscheinen mag, vermeintlichen Profit aus dem Versagen anderer zu schlagen.

Die Wirtschaft mit bestimmten Schwerpunkten dirigiert vieles und produziert zum Teil so manches Unheil, ob direkt oder indirekt.

Aus Profitgier haben einige Sparten zahlreicher Unternehmen in den vergangenen Jahrzehnten Schritt für Schritt dem Standort Europa den Rücken gekehrt, um teilweise feststellen zu müssen, dass nicht alles was „glänzt“ auch Gold sei.

Um den Schein nicht zu trüben, wurden und werden unbequeme Bereiche ausgegliedert oder Aufträge fremd vergeben – die Hände in Unschuld zu waschen ist einfacher, als der Wahrheit ins Auge zu schauen. Anscheinend werden in diesen Unternehmen dunkle Sonnenbrillen verteilt, damit sich die Spitzen beim Suhlen im Glanz der Zahlen ihre Augen nicht verderben oder das Elend nicht sehen, auf dem der Erfolg errichtet wurde und wird.

Effizienz und Wachstum bis zur Erschöpfung nicht nur Einzelner, sondern auch der Handelnden – ohne Rücksicht darauf zu nehmen, was es mit sich bringt.

Natürlich ist nicht alles falsch und schlecht, jedoch sollten die Verantwortlichen sich schnell auf das besinnen, was ein soziales unternehmerisches Handeln sein sollte – Verantwortung übernehmen für Menschen und ihre Arbeitskraft, die den Erfolg erst möglich macht.

Ein Umdenken und die Rückbesinnung, sowie das Abnehmen der Sonnenbrillen bei nun getrübtem Himmel, würde vielleicht wieder eine freiere Sicht liefern für die Realität jenseits von Schreibtischen und Börsenparkettgetümmel.

Die verlassenen bewehrten Infrastrukturen des alten Kontinents, tragen nun die unerwünschten Früchte des Handelns – die Zahlen vieler Rubriken sprechen Bände.

Wieso nutzen wir das Knowhow, die Erfahrung der Arbeitskräfte, die sozialen Strukturen und die Vielfalt all der mehr oder weniger geeinten Regionen Europas nicht, um wieder eine solide Basis für all die Herausforderungen zu schaffen, die uns unausweichlich heimsuchen werden – beziehungsweise es bereits seit Jahren tun.


Das zu schaffen, würde wirklich bedeuten, dass wir aus unzähligen Fehlern gelernt haben und einer neuen beherzigenswerten Entwicklung entgegensehen könnten, um sie dann als funktionierendes Beispiel mit gutem Gewissen und erlebten Wissen in andere Regionen dieser kleiner gewordenen Welt zu tragen.

Die Vergangenheit können wir bekanntlich nicht verändern, jedoch die Zukunft mit dem Handeln in der Gegenwart beeinflussen.

Die Welt ist nicht nur kleiner geworden, aber auch die Menschen sind informierter, leben bewusster und sind vielerorts zu mehr bereit, als es zu sein scheint – wenn der Nutzen für die Gesellschaft zu sehen und vor allem zu spüren ist.


Europa – abgeleitet aus dem altgriechischen Εὐρώπη, „die (Frau) mit der weiten Sicht“.

Vielleicht sollten wir die sinnbildliche Bedeutung so interpretieren, dass wir mit einer weiblichen Intuition als „geeinter Kontinent der Regionen“ vorausschauend dessen Zukunft gestalten.

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gambini Verfasst von:

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